Treppauf, Treppab – Situated Now, Donna Harawayby Marcus Schmickler

Kunstkommission Düsseldorf und Ralf Brög Studios präsentieren neue Klang-Kunst im U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee Auf Sherpards Tonleiter: „Treppauf, Treppab – Situated Now, Donna Haraway“ von Komponist Marcus Schmickler

Auditorium & Theater_3MR, U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee

Marcus Schmickler

Jahrgang 1968, lehrt am Institut für Musik und Medien der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf und am Bard College in Annandale-on-Hudson, New York. Er studierte Komposition und Elektronische Musik an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln sowie Musikwissenschaft an der Universität Köln. In seinen Arbeiten erforscht Schmickler erweiterte Methoden zur Komposition von wahrnehmungsspezifischen Eigenheiten im Klang und deren Spatialisierung. Seine Musik erscheint u.a. bei den Labels editions Mego, a-Musik und Mille Plateaux. Marcus Schmickler erhielt zahlreiche Preise, Auszeichnungen und Stipendien, z.B. von Ars Electronica, dem Land Nordrhein-Westfalen und kuratierte Festival-Programme z.B. in der Akademie der Künste Berlin und dem ZKM Karlsruhe.

Pressetext:

Düsseldorf. Fährt die U-Bahn in den Bahnhof ein oder verschwindet sie gerade im Tunnel? Ist die wahrgenommene Akustik Realität oder Illusion, Projektionsfläche oder Akteur? Willkommen in der Kunst-U-Bahn-Station Heinrich Heine Allee! Vom 19. Juni bis 7. Juli werden Fahrgäste der Rheinbahn an den Aufgängen zur Königsallee und zur Heinrich-Heine-Passage mit Akkorden auf Grundlage der so genannten „Shepard-Tonleiter“ empfangen. „Treppauf, Treppab – Situated Now, Donna Haraway“ heißt die Sound-Installation des Kölner Komponisten und Musikers Marcus Schmickler, welche die Fahrgäste auf geheimnisvolle Weise auf den Rolltreppen und in den Korridoren „Auditorium“ und „Theater“, begleiten wird. Präsentiert wird die Veranstaltung von der Kunstkommission Düsseldorf sowie dem Kurator und Künstler Ralf Brög, der die drei neuen Zugänge des U-Bahnhofes (Auditorium, Labor, Theater) visuell wie medial gestaltet hat und im Sinne eines work in progress mit wechselnde Klang- und Soundbeiträge programmiert. Zur Begehung von „Treppauf, Treppab – Situated Now, Donna Haraway“ möchten wir Sie herzlich einladen.

Nach Kurt Dahlke, Waltraud Blischke und Leif Inge ist Marcus Schmickler der vierte Künstler, der im „Auditorium“ ausstellt. Sowohl er als auch der Kurator der Veranstaltungsreihe, Ralf Brög, und Vertreter der Kunstkommission werden der Presse für Fragen zur Verfügung stehen.

Zum Hintergrund: Bei der “Shepard-Tonleiter”, die auf den Psychologen Roger Shepard zurückgeht, handelt es sich um eine akustische Illusion, bei der ein Ton fortwährend steigt oder fällt, aber niemals ein Limit erreicht. Der Klang ist in permanenter Bewegung, scheint aber trotzdem nirgendwo anzukommen. In der bildenden Kunst ist dieses Konstrukt vergleichbar mit Arbeiten des niederländischen Künstlers M. C. Escher.

Bereits Pioniere der elektronischen Musik wie Jean-Claude Risset, Karlheinz Stockhausen und James Tenney nutzten den bemerkenswerten Effekt der Shepard-Töne, die nach menschlichem Hörempfinden keine Grundtöne erkennen lassen oder Orientierung bei der Tonfolge bieten. Schmickler lässt nun durch seine Installation eine Art akustische Fata Morgana entstehen. Er unterteilt einzelne Shepard-Töne in Akkorde, verdichtet oder dehnt sie, beschleunigt oder verlangsamt ihr Tempo, um sie dann wieder mit anderen elektronischen Partikeln zu verzahnen. Es entstehen hochwertige und komplexe Kompositionen, die trotz ihres logischen Aufbaus, ganz im Sinne des Poststrukturalismus ein Prozess der Wissensaneignung sind, der niemals aufhört. Der Untertitel der Klang-Installation weist deshalb auf Donna Haraways berühmten Essay “Situated Knowledges” hin. Donna Haraway stellte die These auf, dass das Objekt des Wissens als Akteur und Agent zu betrachten sei und nicht als Projektionsfläche. Kernpunkt von „Situated Knowledges“ ist eine grundsätzliche kontextuelle Betrachtungsweise jeglicher Forschungsfragen und Wahrnehmungen.

Zum Künstler: Marcus Schmickler, Jahrgang 1968, lehrt am Institut für Musik und Medien der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf und am Bard College in Annandale-on-Hudson, New York. Er studierte Komposition und Elektronische Musik an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln sowie Musikwissenschaft an der Universität Köln. In seinen Arbeiten erforscht Schmickler erweiterte Methoden zur Komposition von wahrnehmungsspezifischen Eigenheiten im Klang und deren Spatialisierung. Seine Musik erscheint u.a. bei den Labels editions Mego, a-Musik und Mille Plateaux. Marcus Schmickler erhielt zahlreiche Preise, Auszeichnungen und Stipendien, z.B. von Ars Electronica, dem Land Nordrhein-Westfalen und kuratierte Festival-Programme z.B. in der Akademie der Künste Berlin und dem ZKM Karlsruhe.

Review Rheinische Post:
https://rp-online.de/kultur/u-bahnstation-heinrich-heine-allee-mit-neuer-soundinstallation_aid-39581137

Marcus Schmickler
Treppauf, Treppab  
(Situated Now, Donna Harraway) 

Schmickler verwendet in zahlreichen seiner Kompositionen den sogenannten “Shepard Tone”, der auf den Psychologen Roger Shepard zurückgeht. Dabei handelt es sich um eine akustische Illusion, bei der ein Ton fortwährend steigt oder fällt, seine Tonhöhe aber niemals ein Limit zu erreichen scheint. Der Klang ist in permanenter Bewegung, scheint aber nirgendwo anzukommen ein Vorgang, der endlos weitergehen könnte und in der bildenden Kunst, mit Arbeiten des niederländischen Künstlers M. C. Escher zu vergleichen ist.

Bereits die Pioniere der elektronischen Musik wie Jean-Claude Risset, Karlheinz Stockhausen und James Tenney kannten diesen Effekt. Schmickler geht anders vor, er unterteilt einzelne Shepard-Töne in Arpeggien, verdichtet und entschlackt sie, beschleunigt oder verlangsamt ihr Tempo, verzahnt sie mit anderen elektronischen Partikeln und entwickelt so komplexe akustische Zusammenhänge, deren Architektur, trotz ihres logischen Aufbaus, nicht immer nachvollziehbar ist und eine psychoakustische Illusion produziert.  

Der wirklichen Welt die Treue halten, wie ist das denkbar in einer Welt, in der durch die technische Generierung virtueller Welten die Grenzen von Illusion und Wirklichkeit immer weiter verschoben und unmerklicher überschritten werden – und deren metaphysisch-spekulative Implikationen immer unkenntlicher, darum aber nicht unbedingt unwirksamer werden? Der Untertitel der für die Wehrhahnlinie entworfenen Komposition geht auf Donna Haraways berühmten Essay “Situated Knowledges” zurück. Zentral ist dabei, das Objekt des Wissens als Akteur und Agent zu betrachten und nicht als Projektionsfläche. Wichtig im Umgang mit Wissenspositionen ist vor allem die wiederholte kritische Nachprüfung, Dekonstruktion und Interpretation des herrschenden Wissens. Kernpunkt von Situated Knowledge ist eine grundsätzliche kontextuelle Betrachtungsweise jeglicher Forschungsfragen.

So verbindet sich nicht nur für Haraway die Treue zur Realität mit der Anerkennung der realitätskonstituierenden Bedeutung der Illusion, sondern zugleich mit der Frage nach der Kommunizierbarkeit der Welt. In dem Moment freilich, in dem die Realität nicht mehr an die Repräsentation, sondern an die Mitteilbarkeit gebunden ist, erhält die Frage der Darstellung eine in vielen Hinsichten neue Bedeutung. So stellt sich die Frage nach der Herstellung einer verbindlichen Realität unter Bedingungen neuer Medientechniken als Suche nach besseren Darstellungen der Welt dar – wobei ‚bessere Darstellungen‘ präzisere, bewußte Weisen meint, die Welt mitteilbar zu machen.