TREPPE

von Stefan Schneider

Stefan Schneider

*1961, lebt als Künstler und Musiker in Düsseldorf, DE

Gründungsmitglied Kreidler (1994-99) und To Rococo Rot (1995 – 2014).
Musikalische Kooperationen u.a. mit Joachim Roedelius (Cluster), Dieter Moebius (Cluster), Bill Wells, Klaus Dinger (Kraftwerk, Neu!), Hauschka, Alexander Balanescu, St. Etienne, Arto Lindsay, Sofia Jernberg, Natascha Sadr-Haghighian, Katharina Grosse, John McEntire
(tortoise), Nicholas Addo Nettey (Fela Kuti Band)
2016/17 Gründung des Plattenlabels TAL

Pressetext:

Zufallsbestimmte Kompositionen haben in unterschiedlichsten Musikkulturen bis in die heutige Zeiteine lange Geschichte und dabei sehr viele unterschiedliche Verfahren und Ausprägungen.Man denke an die „Würfelspiele“ von Mozart oder die aleatorischen Werke von John Cage oderPierre Boulez aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die wesentliche Idee dieser Technikist die offene, nicht abgeschlossene Form, deren spielerische Verwirklichung ständig neue,zufällige Tonkombinationen generiert um so zu neuen ästhetischen Erfahrungen zu gelangen.Die Komposition „Treppe“ greift Gedanken dieser tonalen Klangtechnik auf. Als Ausgangspunktdienen Aufnahmen unterschiedlichster Variationen und Fragmente einer E-Dur Tonleiter, die alleauf einem Vibraphon eingespielt sind und über sieben mp3 Player im Labor der U-Bahn StationHeinrich Heine Allee projiziert werden.Im Lauf der Jahre, in denen wir uns mit dem Konzept dieser Arbeit im öffentlichen Raumbefassten, haben wir die grundlegenden Richtungen dieser Arbeit immer wieder überdacht undverändert. Ursprünglich hatten wir an ein Klangobjekt gedacht, dessen musikalische Parameter anden Strom der Passanten oder an die Frequenz der fahrenden Züge gekoppelt sind und übertechnische Sensorien von den jeweiligen Verkehrsströmen gesteuert wird; also Teil des (Verkehrs-)Systems sein sollte.Dieses Prinzip sollte auch Möglichkeiten der akustischen Orientierung (z.B. Zug fährt eine,Tonhöhe wird dichter oder leerer Bahnsteig, Tonhöhe sinkt) beinhalten. Als Inspiration dientendamals Tonaufnahmen, die ich 2008 auf Bahnhöfen in Tokyo gemacht hatte, auf denen es einakustisches Leitsystem für Passagiere gab, das zur Orientierung auf den Gleisen dient und einesehr eingängige und komplexe Melodik aufwies.In der Folge haben wir den kompositorischen Teil der Installation eigenständiger gedacht undweiterentwickelt. Die Idee, dass die Musik auch zur Orientierung dient oder mit demVerkehrsaufkommen technisch korrespondiert, haben wir zu Gunsten einer autonomen Rolle derMusik, die auch dem Raumkonzept vom Labor innewohnt, verändert. Die Musik soll nicht Zweckeerfüllen sondern erschaffen.Die Komposition „Treppe“ hat eine starke aleatorische Ebene, die mit der Idee des Laborkorrespondiert und, wie eingangs erwähnt, eine unendlich variable Anzahl von Tonkombinationenentfaltet. Die Bewegungen der Töne sind als akustische Kommunikation mit den Bewegungen derMenschen und ihrer Vielfalt in den öffentlichen Räumen der Station gedacht. Der Grundcharakterder Musik ist reduziert. Jeder Passant hört nur kurze Fragmente (bzw. variable Kombinationen ausFragmenten ) der gesamten Komposition.Es gibt bei Passanten individuelle Bewegungen in verschiedene Richtungen, gebündelte Gruppenin den Hauptverkehrszeiten, dynamische Verschiebungen, den scheinbaren Stillstand zum spätenAbend usw. ein sich annähern und wieder entfernen von Mitreisenden, Fahrplänen, Bahnsteigen,Zügen, Kunstobjekten. Diese vielfältigen Dynamiken, die jedoch fast ausschließlich das gleicheAnliegen der zielgerichteten Fortbewegung teilen.Die Wiedergabe der Musik erfolgt über mpg3 Player aus den Lautsprechern der beiden Objektevon Ralf Brög in den Raum „Labor“ gespielt. Dabei sind die Objekte nicht nur Abspielgerät sondernwerden zu Klangobjekten. Die mpg3 Player sind nicht miteinander synchronisiert, tragenunterschiedliche Information (Töne) wodurch sich die unzähligen, unvorhersehbarenKombinationen der Komposition spielerisch ereignen.Der Raumbezug der Musik zum Labor stellt sich auch über die bauliche Gestalt, die monochromenFarbvariationen der dort verwendeten Materialien sowie deren reflektierender Oberflächen her. Eswird an den Transferraum „Labor“ gedacht, der täglich von mehreren tausend Menschen belebtwird. Die übliche Zeit die Passanten zum durchqueren der beiden Auf- und Abgänge im Laborbenötigen, beträgt wenige Sekunden.Instrumentierung der Musik konzentriert sich auf Piano, Vibraphon und Synthesizer. Das Pianowird dem Objekt in Aufgang „Grün“, das Vibraphon dem zweiten Objekt „Flieder“, zugeordnet.Das Vibraphon ist von allen Instrumenten das, dessen Klangeigenschaft dem physikalischenSinuston am nächsten ist. Der Sinuston ist die Grundlage aller Töne und von ihm aus können alleweiteren Töne entfaltet werden. Die geringe Obertonstruktur des Vibraphons schafft einemetallische Klangfarbe, die im Gesamtensemble Labor aufgeht. Die Musik strebt dabei eineakustische Empfindsamkeit an, die von der Erschaffung lebendiger öffentlicher Räume erzählt.Das Klavier hat eine zum Vibraphon verwandte tonale Struktur. Die Saiten werden indirekt durcheinen Hammer angeschlagen. Der Nachklang kann bei beiden Instrumenten durch Fusspedaleverlängert werden.Alle Töne von „Treppe“ werden nur kurz angespielt und haben einen langen Ausklang. Die jeweilsunterschiedlichen Schwingungen entwickeln so, nach der kurzen Berührung durch die menschlicheHand, ein Eigenleben das sich der Kontrolle des Spielenden entzieht. Der Synthesizer erweitert dieKlangpalette von Vibraphon und Piano im Sinne der aufgeführten Spielregeln.