Die Soundinstallation spielt mit der Situation, die sich auf einer Rolltreppe tatsächlich begibt: Eine_r ist vorne, eine_r hinten, eine_r fährt voraus, eine_r hinterher.
Diese einfache Grundsituation wird hier mit dem Orpheus-Mythos verknüpft („Nein, ich drehe mich nicht um!“; „Ich darf mich nicht umdrehen!“): Kurze verfremdete Sequenzen aus der Monteverdi-Oper ertönen (Eurydikes Tod, Schlussepiphanie).
Es ist der Mann, der verweigert, nach hinten zu blicken, sich nicht umzudrehen. Von den beiden weiblichen Stimmen kann angenommen werden, dass sie hinter dem Mann zurückbleiben, da kein Dialog stattfindet. Der Mann verkörpert den zielsicheren Weg in die Zukunft, hier auch: Fortschrittsgläubigkeit, Geschichtsvergessenheit und Moderne. Die beiden weiblichen Stimmen verleihen einfachen Botschaften poetische Stimmen, eine hellere blickt voraus, eine dunklere stimmt ihren warnenden Gesang an. Hier assoziiert eine weiche, Stimme Postwachstumsgesellschaft, lokale Produktion, kleinbäuerliche Landwirtschaft und gegenseitige Hilfe. Dort lässt die Stimme eines Säuglings den Zustand des Neuerwerbs von Sprache, des Neubeginns schlechthin imaginieren. Wie vom Wind herbeigetragen, klingen dazu stets wiederkehrend die Schlussakkorde der Monteverdi-Oper, die den von allen irdischen Leiden befreiten Orpheus zum Himmel begleiten.
Orfeo – Die Erde ist gewaltig schön
von Kevin Rittberger

Kevin Rittberger
Geboren 1977 in Stuttgart, DE
Lebt und arbeitet als Theaterregisseur und Autor in Berlin, DE