Das Auditorium ein Raum des Hörens und ein Übergang. Ein Transit von draußen nach drinnen, von „natürlichem“, urbanem Stadtraum zu „künstlichem“, streng determiniertem Nutzraum. Dieser Raum liegt an einer exponierten Stelle, an der Königsallee, und wird täglich von vielen regelmäßigen Pendlern, aber auch ausländischen Besuchern der Stadt frequentiert. Vorgabe der Stadt war unter anderem, dass dieser Raum nicht angsteinflößend oder irritierend sein darf, sondern im Gegenteil beruhigen und erfreuen soll.
Das Konzept des Transits noch einmal aufnehmend, bedienen sich Dahlke/Stoya in der Musik Stimmen, die in der Natur vorkommen, und derer sich Komponisten aller Zeiten immer wieder bedient haben, nämlich der Vogelstimmen. Dahlke/Stoya sammelten verschiedenartigste Stimmen heimischer Vögel und bearbeiteten jede einzelne mit Hilfe moderner Studiotechnik, sodass das Resultat zwar immer noch an die spezifische Struktur der Vogelstimme erinnert – ein gutes Gefühl, etwas wieder zu erkennen, das uns vertraut ist – aber einen eigenständigen Sound erhält. Die Musiker sprechen bei ihrer Komposition deswegen auch von Modulen und nicht von Vogelstimmen. Diese Module sind das Ausgangsmaterial, welches das Erarbeiten von mannigfaltigen Variationen in z.B. Klangfarbe und Tonhöhe ermöglicht. Diese Variationen werden mit Hilfe mehrerer verschachtelter Zufallsgeneratoren angesteuert und im Raum bewegt, sodass ein immer wieder neues Klangbild entsteht. Dieser einzigartige Zusammenklang, der draußen und drinnen, aber auch heute und morgen verbindet, wird sich so nie exakt wiederholen. Eine sehr spezielle Komposition für die Ewigkeit, hör- und erfahrbar aber in jedem Augenblick.
Im Auditorium sind 48 Lautsprecher in der Decke vom Eingang ausgehend über die ganze Rolltreppe installiert. Diese werden über einen Computer in einem „Spatial-Sound“-Verfahren angesteuert. Die Klänge können so zeitgesteuert frei im Raum bewegt werden.
Die Soundinstallation spielt mit der Situation, die sich auf einer Rolltreppe tatsächlich begibt: Eine_r ist vorne, eine_r hinten, eine_r fährt voraus, eine_r hinterher. Diese einfache Grundsituation wird hier mit dem Orpheus-Mythos verknüpft („Nein, ich drehe mich nicht um!“; „Ich darf mich nicht umdrehen!“): Kurze verfremdete Sequenzen aus der Monteverdi-Oper ertönen (Eurydikes Tod, Schlussepiphanie). Es ist der Mann, der verweigert, nach hinten zu blicken, sich nicht umzudrehen. Von den beiden weiblichen Stimmen kann angenommen werden, dass sie hinter dem Mann zurückbleiben, da kein Dialog stattfindet. Der Mann verkörpert den zielsicheren Weg in die Zukunft, hier auch: Fortschrittsgläubigkeit, Geschichtsvergessenheit und Moderne. Die beiden weiblichen Stimmen verleihen einfachen Botschaften poetische Stimmen, eine hellere blickt voraus, eine dunklere stimmt ihren warnenden Gesang an. Hier assoziiert eine weiche, Stimme Postwachstumsgesellschaft, lokale Produktion, kleinbäuerliche Landwirtschaft und gegenseitige Hilfe. Dort lässt die Stimme eines Säuglings den Zustand des Neuerwerbs von Sprache, des Neubeginns schlechthin imaginieren. Wie vom Wind herbeigetragen, klingen dazu stets wiederkehrend die Schlussakkorde der Monteverdi-Oper, die den von allen irdischen Leiden befreiten Orpheus zum Himmel begleiten.
Zufallsbestimmte Kompositionen haben in unterschiedlichsten Musikkulturen bis in die heutige Zeiteine lange Geschichte und dabei sehr viele unterschiedliche Verfahren und Ausprägungen.Man denke an die „Würfelspiele“ von Mozart oder die aleatorischen Werke von John Cage oderPierre Boulez aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die wesentliche Idee dieser Technikist die offene, nicht abgeschlossene Form, deren spielerische Verwirklichung ständig neue,zufällige Tonkombinationen generiert um so zu neuen ästhetischen Erfahrungen zu gelangen.Die Komposition „Treppe“ greift Gedanken dieser tonalen Klangtechnik auf. Als Ausgangspunktdienen Aufnahmen unterschiedlichster Variationen und Fragmente einer E-Dur Tonleiter, die alleauf einem Vibraphon eingespielt sind und über sieben mp3 Player im Labor der U-Bahn StationHeinrich Heine Allee projiziert werden.Im Lauf der Jahre, in denen wir uns mit dem Konzept dieser Arbeit im öffentlichen Raumbefassten, haben wir die grundlegenden Richtungen dieser Arbeit immer wieder überdacht undverändert. Ursprünglich hatten wir an ein Klangobjekt gedacht, dessen musikalische Parameter anden Strom der Passanten oder an die Frequenz der fahrenden Züge gekoppelt sind und übertechnische Sensorien von den jeweiligen Verkehrsströmen gesteuert wird; also Teil des (Verkehrs-)Systems sein sollte.Dieses Prinzip sollte auch Möglichkeiten der akustischen Orientierung (z.B. Zug fährt eine,Tonhöhe wird dichter oder leerer Bahnsteig, Tonhöhe sinkt) beinhalten. Als Inspiration dientendamals Tonaufnahmen, die ich 2008 auf Bahnhöfen in Tokyo gemacht hatte, auf denen es einakustisches Leitsystem für Passagiere gab, das zur Orientierung auf den Gleisen dient und einesehr eingängige und komplexe Melodik aufwies.In der Folge haben wir den kompositorischen Teil der Installation eigenständiger gedacht undweiterentwickelt. Die Idee, dass die Musik auch zur Orientierung dient oder mit demVerkehrsaufkommen technisch korrespondiert, haben wir zu Gunsten einer autonomen Rolle derMusik, die auch dem Raumkonzept vom Labor innewohnt, verändert. Die Musik soll nicht Zweckeerfüllen sondern erschaffen.Die Komposition „Treppe“ hat eine starke aleatorische Ebene, die mit der Idee des Laborkorrespondiert und, wie eingangs erwähnt, eine unendlich variable Anzahl von Tonkombinationenentfaltet. Die Bewegungen der Töne sind als akustische Kommunikation mit den Bewegungen derMenschen und ihrer Vielfalt in den öffentlichen Räumen der Station gedacht. Der Grundcharakterder Musik ist reduziert. Jeder Passant hört nur kurze Fragmente (bzw. variable Kombinationen ausFragmenten ) der gesamten Komposition.Es gibt bei Passanten individuelle Bewegungen in verschiedene Richtungen, gebündelte Gruppenin den Hauptverkehrszeiten, dynamische Verschiebungen, den scheinbaren Stillstand zum spätenAbend usw. ein sich annähern und wieder entfernen von Mitreisenden, Fahrplänen, Bahnsteigen,Zügen, Kunstobjekten. Diese vielfältigen Dynamiken, die jedoch fast ausschließlich das gleicheAnliegen der zielgerichteten Fortbewegung teilen.Die Wiedergabe der Musik erfolgt über mpg3 Player aus den Lautsprechern der beiden Objektevon Ralf Brög in den Raum „Labor“ gespielt. Dabei sind die Objekte nicht nur Abspielgerät sondernwerden zu Klangobjekten. Die mpg3 Player sind nicht miteinander synchronisiert, tragenunterschiedliche Information (Töne) wodurch sich die unzähligen, unvorhersehbarenKombinationen der Komposition spielerisch ereignen.Der Raumbezug der Musik zum Labor stellt sich auch über die bauliche Gestalt, die monochromenFarbvariationen der dort verwendeten Materialien sowie deren reflektierender Oberflächen her. Eswird an den Transferraum „Labor“ gedacht, der täglich von mehreren tausend Menschen belebtwird. Die übliche Zeit die Passanten zum durchqueren der beiden Auf- und Abgänge im Laborbenötigen, beträgt wenige Sekunden.Instrumentierung der Musik konzentriert sich auf Piano, Vibraphon und Synthesizer. Das Pianowird dem Objekt in Aufgang „Grün“, das Vibraphon dem zweiten Objekt „Flieder“, zugeordnet.Das Vibraphon ist von allen Instrumenten das, dessen Klangeigenschaft dem physikalischenSinuston am nächsten ist. Der Sinuston ist die Grundlage aller Töne und von ihm aus können alleweiteren Töne entfaltet werden. Die geringe Obertonstruktur des Vibraphons schafft einemetallische Klangfarbe, die im Gesamtensemble Labor aufgeht. Die Musik strebt dabei eineakustische Empfindsamkeit an, die von der Erschaffung lebendiger öffentlicher Räume erzählt.Das Klavier hat eine zum Vibraphon verwandte tonale Struktur. Die Saiten werden indirekt durcheinen Hammer angeschlagen. Der Nachklang kann bei beiden Instrumenten durch Fusspedaleverlängert werden.Alle Töne von „Treppe“ werden nur kurz angespielt und haben einen langen Ausklang. Die jeweilsunterschiedlichen Schwingungen entwickeln so, nach der kurzen Berührung durch die menschlicheHand, ein Eigenleben das sich der Kontrolle des Spielenden entzieht. Der Synthesizer erweitert dieKlangpalette von Vibraphon und Piano im Sinne der aufgeführten Spielregeln.
Uraufführung der neuen Klangarbeit für den MODELLRAUM THEATER, U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Allee, (Zugang Heinrich-Heine Passage).
12. Februar 2021 – 28. März 2021
Für den Modellraum Theater im U-Bahnhof Heinrich-Allee hat Szene-Ikone Gudrun Gut eine atmosphärische Collage teils naturalistischer teils abstrakter Sounds komponiert.
Die drei Kanal-Installation lässt uns drei subtil komponierte und durchaus verschiedene Klangwelten durchqueren, die sich in ihrer fließenden, sich ständig versetzenden Überlagerung fast unmerklich zu einer detailreichen, mal analog, mal digital anmutenden, dennoch kohärenten Klang-Landschaft verdichten.
Vogelstimmen verschmelzen mit treibenden clubbigen Beats wie in besten Zeiten durchtanzter Raves unter freiem Himmel, wenn die Morgendämmerung am Horizont die wärmende Sonne ankündigt und der Hahn zum gemeinsamen Frühstück ruft.
Metallisch kühle Rhythmen harmonieren mit den ratternd loopenden Rolltreppen, vermengen sich mit hypnotischen Sounds archaischer oder zukünftiger Kulturen und triggern unverhofft einen Moment der Zuversicht aufs schattige Gemüt.
Doppelte Eröffnung für Soundkünstler*innen Marja Ahti und Stefan Schneider
Parallel zur Installation im U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee
Konzert im Salon des Amateurs
Duett mit doppelter Eröffnung: Die von Ralf Brög kuratierte und von der Kunstkommission Düsseldorf finanzierte Veranstaltungsreihe zu Sound und Klängen im U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee schließt mit einer Arbeit von Marja Ahti und Stefan Schneider. Parallel zum Start ihrer Klanginstallation, die noch bis zum Ende des Jahres im U-Bahn-Ausstellungsraum „Labor“ (Umstieg Rheinbahnlinien in neue Wehrhahnlinien) zu hören sein wird, geben die Soundkünstler*innen ein Konzert
am 24. November 2019, um 20 Uhr, im Salon des Amateurs/Kunsthalle auf dem Grabbeplatz 4, 40213 Düsseldorf.
Dazu laden wir Sie und Ihre Fotografen herzlich ein. Der Kurator und Künstler Ralf Brög hat den im Jahr 2016 eröffneten U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee sowohl visuell als auch akustisch für wechselnde Klang- und Soundbeiträge gestaltet und ausgestattet. Er lud seitdem verschiedene Musiker*innen und Künstler*innen dazu ein, ihre Klanginstallationen dort zu präsentieren. Der Düsseldorfer Stefan Schneider ist mit der Soundinstallation „Treppe“ bereits dauerhaft vertreten. In der aktuellen Veranstaltungsreihe bespielen nach Kurt Dahlke, Waltraud Blischke, Leif Inge und Marcus Schmickler nun er und die schwedisch-finnische Künstlerin Marja Ahti die Räume in der U-Bahn mit temporärer Klangkunst. Athi und Schneider greifen im Duett die räumliche Situation der zwillingshaften Treppenaufgänge zu den Umsteigemöglichkeiten in die Wehrhahnlinie auf. Die Fahrgäste hören kurze Fragmente einer Gesamtkomposition in verschiedenen Variationen. Die Bewegung der Töne und ihre dynamischen Verschiebungen sollen als akustische Kommunikation die mannigfachen Fortbewegungen der Passanten reflektieren. Text: Saskia Zeller
Zu den Künstler*innen: Marja Ahti (* 1981) ist eine schwedisch-finnische Musikerin und Komponistin aus Turku, Finnland. Ahti arbeitet mit Feldaufnahmen und anderem akustischen Klangmaterial in Kombination mit Synthesizern und elektronischen Feedbacks. Stefan Schneider (* 1961) ist ein deutscher Musiker, Komponist und Fotograf aus Düsseldorf. Scheider hat an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert und ist Meisterschüler von Bernd Becher. Er ist Gründungsmitglied der Bands Kreidler (1994-99) und To Rococo Rot (1995 – 2014).
Düsseldorf. Fährt die U-Bahn in den Bahnhof ein oder verschwindet sie gerade im Tunnel? Ist die wahrgenommene Akustik Realität oder Illusion, Projektionsfläche oder Akteur? Willkommen in der Kunst-U-Bahn-Station Heinrich Heine Allee! Vom 19. Juni bis 7. Juli werden Fahrgäste der Rheinbahn an den Aufgängen zur Königsallee und zur Heinrich-Heine-Passage mit Akkorden auf Grundlage der so genannten „Shepard-Tonleiter“ empfangen. „Treppauf, Treppab – Situated Now, Donna Haraway“ heißt die Sound-Installation des Kölner Komponisten und Musikers Marcus Schmickler, welche die Fahrgäste auf geheimnisvolle Weise auf den Rolltreppen und in den Korridoren „Auditorium“ und „Theater“, begleiten wird. Präsentiert wird die Veranstaltung von der Kunstkommission Düsseldorf sowie dem Kurator und Künstler Ralf Brög, der die drei neuen Zugänge des U-Bahnhofes (Auditorium, Labor, Theater) visuell wie medial gestaltet hat und im Sinne eines work in progress mit wechselnde Klang- und Soundbeiträge programmiert. Zur Begehung von „Treppauf, Treppab – Situated Now, Donna Haraway“ möchten wir Sie herzlich einladen.
Nach Kurt Dahlke, Waltraud Blischke und Leif Inge ist Marcus Schmickler der vierte Künstler, der im „Auditorium“ ausstellt. Sowohl er als auch der Kurator der Veranstaltungsreihe, Ralf Brög, und Vertreter der Kunstkommission werden der Presse für Fragen zur Verfügung stehen.
Zum Hintergrund: Bei der “Shepard-Tonleiter”, die auf den Psychologen Roger Shepard zurückgeht, handelt es sich um eine akustische Illusion, bei der ein Ton fortwährend steigt oder fällt, aber niemals ein Limit erreicht. Der Klang ist in permanenter Bewegung, scheint aber trotzdem nirgendwo anzukommen. In der bildenden Kunst ist dieses Konstrukt vergleichbar mit Arbeiten des niederländischen Künstlers M. C. Escher.
Bereits Pioniere der elektronischen Musik wie Jean-Claude Risset, Karlheinz Stockhausen und James Tenney nutzten den bemerkenswerten Effekt der Shepard-Töne, die nach menschlichem Hörempfinden keine Grundtöne erkennen lassen oder Orientierung bei der Tonfolge bieten. Schmickler lässt nun durch seine Installation eine Art akustische Fata Morgana entstehen. Er unterteilt einzelne Shepard-Töne in Akkorde, verdichtet oder dehnt sie, beschleunigt oder verlangsamt ihr Tempo, um sie dann wieder mit anderen elektronischen Partikeln zu verzahnen. Es entstehen hochwertige und komplexe Kompositionen, die trotz ihres logischen Aufbaus, ganz im Sinne des Poststrukturalismus ein Prozess der Wissensaneignung sind, der niemals aufhört. Der Untertitel der Klang-Installation weist deshalb auf Donna Haraways berühmten Essay “Situated Knowledges” hin. Donna Haraway stellte die These auf, dass das Objekt des Wissens als Akteur und Agent zu betrachten sei und nicht als Projektionsfläche. Kernpunkt von „Situated Knowledges“ ist eine grundsätzliche kontextuelle Betrachtungsweise jeglicher Forschungsfragen und Wahrnehmungen.
Zum Künstler: Marcus Schmickler, Jahrgang 1968, lehrt am Institut für Musik und Medien der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf und am Bard College in Annandale-on-Hudson, New York. Er studierte Komposition und Elektronische Musik an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln sowie Musikwissenschaft an der Universität Köln. In seinen Arbeiten erforscht Schmickler erweiterte Methoden zur Komposition von wahrnehmungsspezifischen Eigenheiten im Klang und deren Spatialisierung. Seine Musik erscheint u.a. bei den Labels editions Mego, a-Musik und Mille Plateaux. Marcus Schmickler erhielt zahlreiche Preise, Auszeichnungen und Stipendien, z.B. von Ars Electronica, dem Land Nordrhein-Westfalen und kuratierte Festival-Programme z.B. in der Akademie der Künste Berlin und dem ZKM Karlsruhe.
Marcus Schmickler Treppauf, Treppab (Situated Now, Donna Harraway)
Schmickler verwendet in zahlreichen seiner Kompositionen den sogenannten “Shepard Tone”, der auf den Psychologen Roger Shepard zurückgeht. Dabei handelt es sich um eine akustische Illusion, bei der ein Ton fortwährend steigt oder fällt, seine Tonhöhe aber niemals ein Limit zu erreichen scheint. Der Klang ist in permanenter Bewegung, scheint aber nirgendwo anzukommen ein Vorgang, der endlos weitergehen könnte und in der bildenden Kunst, mit Arbeiten des niederländischen Künstlers M. C. Escher zu vergleichen ist.
Bereits die Pioniere der elektronischen Musik wie Jean-Claude Risset, Karlheinz Stockhausen und James Tenney kannten diesen Effekt. Schmickler geht anders vor, er unterteilt einzelne Shepard-Töne in Arpeggien, verdichtet und entschlackt sie, beschleunigt oder verlangsamt ihr Tempo, verzahnt sie mit anderen elektronischen Partikeln und entwickelt so komplexe akustische Zusammenhänge, deren Architektur, trotz ihres logischen Aufbaus, nicht immer nachvollziehbar ist und eine psychoakustische Illusion produziert.
Der wirklichen Welt die Treue halten, wie ist das denkbar in einer Welt, in der durch die technische Generierung virtueller Welten die Grenzen von Illusion und Wirklichkeit immer weiter verschoben und unmerklicher überschritten werden – und deren metaphysisch-spekulative Implikationen immer unkenntlicher, darum aber nicht unbedingt unwirksamer werden? Der Untertitel der für die Wehrhahnlinie entworfenen Komposition geht auf Donna Haraways berühmten Essay “Situated Knowledges” zurück. Zentral ist dabei, das Objekt des Wissens als Akteur und Agent zu betrachten und nicht als Projektionsfläche. Wichtig im Umgang mit Wissenspositionen ist vor allem die wiederholte kritische Nachprüfung, Dekonstruktion und Interpretation des herrschenden Wissens. Kernpunkt von Situated Knowledge ist eine grundsätzliche kontextuelle Betrachtungsweise jeglicher Forschungsfragen.
So verbindet sich nicht nur für Haraway die Treue zur Realität mit der Anerkennung der realitätskonstituierenden Bedeutung der Illusion, sondern zugleich mit der Frage nach der Kommunizierbarkeit der Welt. In dem Moment freilich, in dem die Realität nicht mehr an die Repräsentation, sondern an die Mitteilbarkeit gebunden ist, erhält die Frage der Darstellung eine in vielen Hinsichten neue Bedeutung. So stellt sich die Frage nach der Herstellung einer verbindlichen Realität unter Bedingungen neuer Medientechniken als Suche nach besseren Darstellungen der Welt dar – wobei ‚bessere Darstellungen‘ präzisere, bewußte Weisen meint, die Welt mitteilbar zu machen.
9 Beet Stretch Mittels digitaler Technologie hat der norwegische Künstler Leif Inge Beethovens ikonisches Vermächtnis der 9. Sinfonie auf die Dauer von 24 Stunden gedehnt und das ohne die Tonhöhen der Klänge zu verändern. (Der Einsatz der Granular Synthesis erlaubt es durch Zerlegung der Tonspur in kleinste Einheiten und Wiederaneinanderreihung dieser Toninformationen in ihrer zeitlichen Ausdehnung zu verändern ohne die Frequenzen, also die Tonhöhen der Klänge zu modifizieren.)
Entstanden ist durch diese scheinbar simple Modifikation ein radikal neues und vollkommen eigenständiges Stück, dessen Erleben ein gleichermaßen unerwartetes wie völlig neuartiges Klangerlebnis ermöglicht. Durch die zeitliche Dehnung überschreiten die erhalten gebliebenen zeitlichen Proportionen den Horizont unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten und wir tauchen in das reiche Innenleben und die mikroskopischen Interaktionen der Klänge, deren Dramatik der ursprünglichen melodischen Dramatik der beethovschen Sinfonie in nichts nachstehen.
„9BeetStretch“ zu hören lässt sich mit dem Blick durch ein Mikroskop vergleichen: Die modifizierte Aufnahme rückt winzigste Details in den Fokus und, was noch bedeutsamer ist, es verrückt unsere Wahrnehmungsregister und eröffnet völlig neue Ebenen der Betrachtung.“ (Beethoven’s Symphony No.9 von Alexander Rehding, Oxford University Press) „Indem ich Beethoven’s Neunte dehne, dehne ich nicht einfach irgendein Musikstück, ich dehne Musikgeschichte.“ (Leif Inge) Sehr gezielt hat Leif Inge Beethovens Neunte ausgewählt in dem Wissen um dessen monumentale kulturelle Bedeutung sowohl zu den Zeiten seiner Entstehung, als auch zu unseren Zeiten. So sprengte die Dauer von ca. 70 Minuten die üblichen Dimensionen der damaligen Zeit und gab wiederum unserer Zeit das Format der CD vor, deren Kapazität sich an der ausdrücklichen Vorgabe orientierte, die Neunte wiedergeben zu können.
Aufführung Modellraum_Auditorium: Die 2002 entstandene und seitdem weltweit aufgeführte Stretch-Version von Beethovens 9. Sinfonie wird erstmals außerhalb eines Konzerthauses oder Ausstellungsraumes im öffentlichen Raum präsentiert und konfrontiert das Werk nicht nur mit einem völlig andersartigem Publikum, sondern darüber hinaus mit der Komplexität und den Unwägbarkeiten bezüglich Dauer, Rhythmik, Bewegung und Interessenlage dieses vielfältigen Publikums.
Aufführung Kunsthalle Düsseldorf Um dem interessierten Publikum die Möglichkeit zu geben dem Werk in der vom Künstler vorgesehenen Form zu begegnen, wird das Stück in der Düsseldorfer Kunsthalle in der originären 24 Stunden Version aufgeführt.
Die Veranstaltung ist Teil einer fünfteiligen Reihe temporärer Klangarbeiten für das Auditorium, U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee, Düsseldorf, die durch großzügige Förderung der Kunstkommission Düsseldorf ermöglicht wird.
Das hier vorgestellte Projekt „EIGENKLANG-MODULATION“ will durch Modifikation von mittels Field-Recordings gewonnenen (Eigen-)Klangmaterials der U-Bahn-Station „Heinrich-Heine-Allee“ und der anschließenden Rückprojektion der modellierten Sounds in den „ModellRaum_Labor“ eine subtil veränderte Raumerfahrung bewirken.
Vertraute, unvertraute, noch nie gehörte oder gar unhörbare Klänge, vor Ort, zu verschiedenen Zeiten und in teils unzugänglichen Bereichen aufgenommen, bilden das Rohmaterial der Installation.
Durch vielfältige Verfahren der Modifikation der auf ebenso vielfältige Weisen und mittels verschiedener Technologien aufgenommenen Klänge, durch deren experimentelle Modellierung, durch Betonung oder Verschiebung ihrer räumlichen, materiellen, assoziativen Charakteristik und durch das anschließende Neu-Arrangieren der Klänge soll eine neue Raumwahrnehmung ermöglicht werden. Der tatsächliche Raum wird in seiner funktionalen Eindimensionalität überlagert und öffnet sich für eine – poetische, fiktionale, assoziative oder auch strukturelle – Leseweise.
Die im Zuge dieses Projekts erstellten Klang-Aufnahmen begründen auch das 3ModellRäume-Klangarchiv, das kontinuierlich durch neues Klangmaterial ergänzt wird und so zu einer reichen Ressource zukünftiger Klang-Collagen wird.
Das Projekt Eigenklangmodulation wurde im Rahmen des Förderprogramms NEUSTART KULTUR von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler gefördert.
Tracks United führt wie eine akustische Wanderung durch ein Musikstück, an dessen Klangrändern vorbei zu Stimmen, Pausen und seinen jeweiligen Aufnahmespuren. Als Hörinstallation imitiert das Projekt Konzepte eines DJ-Sets, indem es die vormals in einem Gesamtmix kompilierten und eingespielten Klänge wieder in neue Puzzleteile zerlegt, in untereinander kompatible Elemente für das Mehrkanal-Tonsystem im Auditorium. Vier Töne beschreiben die kleinste Einheit in Anlehnung an die Rautenstruktur im U-Bahntunnel, variieren im Verlauf des Arrangements und geben musikalische Impressionen zu den Stationen und Fahrten der Wehrhahn-Linie wieder. Das Audiomaterial ist auf 17 Szenen mit unterschiedlichen Bewegungsmustern im Raum verteilt und wird in langen und kürzeren Abspielzeiten zufällig über den Tag hinweg zu hören sein.
Das experimentelle DJ-Set funktioniert wie ein modularer Klangmix über den Rolltreppen und bietet in der Nutzung dieser futuristisch gestalteten Soundrampe den Besuchern des Auditoriums ein utopisches Ohr: Sounds und Stimmen simulieren ein Als-ob, einen möglichen Chorus an einem real existierenden Ort. Tracks United behandelt die Kategorien Klang, Musik, Geräusch wie komponierte Field Recordings, überträgt ihnen als performative Teilelemente den akustischen Zugriff in eine transitorische Architektur der Fortbewegung und wirft die Frage auf, was zwischen den asynchron verlaufenden Zeit- und Geräuschachsen eines Fahrplans erzählt werden könnte.
Konzept und Musikaufnahme: Waltraud Blischke Programmierung und Spielplan: Kurt Dahlke
Kuratiert wird die fünfteilige Sound-Ausstellung von Ralf Brög, der die neuen Zugänge des U-Bahnhofes Heinrich-Heine-Allee sowohl visuell als auch akustisch für wechselnde Klang- und Soundbeiträge gestaltet hat.
„The Endless Christmas Carol“ ist eine Komposition des gebürtigen Düsseldorfers, Musikers und Komponisten Kurt Dahlke alias Pyrolator. Sie wurde speziell für das Soundsystem im „Auditorium“ der U-Bahn-Station Heinrich-Heine (Ausgang Königsallee) geschrieben, wo es möglich ist Klänge und Melodien über 48 Lautsprecher mithilfe eines Spatial-Sound-Systems im Raum zu bewegen. Die Komposition selber verwendet fast ausschliesslich Klänge eines klassischen analogen Synthesizers und orientiert sich an den 4-stimmigen Madrigalen des 16.Jahrhunderts, ohne jedoch in die Formstrenge der historischen Vorbilder zu verfallen. Die Komposition wird bis Weihnachten in sich immer wieder verändernden Variationen zu hören sein.